Die Stadt als Denkmal - Zum Denkmalbestand in Halle

Halle verfügt – im Unterschied zu Magdeburg und Dessau, den beiden anderen Großstädten Sachsen-Anhalts – auch heute noch über ein beeindruckendes historisches Stadtbild. Die Stadt blieb vom Flächenbombardement des zweiten Weltkrieges fast ganz und von den bis in die 1980er Jahre anhaltenden Abbrüchen der DDR-Zeit immerhin so weit verschont, daß ein reicher Denkmalbestand erhalten blieb, der in dieser Dichte heute besonders auswärtige Besucher nachhaltig beeindruckt. Mit Blick auf die Eingriffe im Stadtkern kann zwar von einer Altstadt im Sinne eines geschlossenen historischen Ensembles nur noch mit Einschränkung gesprochen werden, um so wertvoller erscheinen daher die im Stadtinnern komplett erhaltenen historischen Straßenzüge und die Stadterweiterungen der Gründerzeit, die wie die Hauptgeschäftsachsen der Innenstadt von Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungsbauten in allen historisierenden Stilen des späten 19. Jahrhunderts beherrscht werden.

Die starke Wirkung des städtischen Ensembles ist begründet in der städtebaulichen Dichte, zu der die Denkmale des 19. Jahrhunderts hier zusammenfinden. Fixpunkte sind dabei nach wie vor monumentale Sakral- und Profanbauten, vor allem des späten Mittelalters, die auch heute noch die Straßen und Plätze der Innenstadt beherrschen. Als in seiner Hauptsubstanz dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugehöriges Stadtdenkmal ist Halle deshalb seinem Rang nach vergleichbar mit Städten wie Erfurt, Görlitz und Wiesbaden, den entsprechenden Stadtvierteln Berlins, Dresdens, Leipzigs oder Münchens.

Die Anfänge Halles als Siedlung reichen weit in vorchristliche Zeit zurück. Hier wurde bereits vor etwa 3000 Jahren die Salzsiederei betrieben. Der Name der Stadt weist mit der Wurzel "Hall" auf die Solevorkommen hin. Wo sich heute der Hallmarkt erstreckt, der 1888 westlich unterhalb der Marktkirche angelegt wurde, befand sich seit alters das sogenannte "Tal" mit den Salzkoten, den Wohn- und Arbeitsstätten der Salzsieder, der "Halloren".

Erstmals erwähnt wird der Ort Anfang des 9. Jahrhunderts. 806, wollen die Chroniken wissen, wurde bei dem Ort "Halla" ein karolingisches Kastell errichtet, dessen genaue Lage freilich bis heute ungeklärt ist. Es könnte unter anderem auf dem Gelände des heutigen Domplatzes gelegen haben. Ausgangspunkt der städtischen Entwicklung wurde dieser Bereich jedoch nicht. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung entwickelte sich nämlich seit dem 11. Jahrhundert der heutige "Alte Markt" im Süden der Altstadt zu einer Keimzelle des städtischen Lebens. Hier bestand bereits eine ummauerte Fernhändlersiedlung, die sich am Kreuzungspunkt zweier Handelsstraßen entwickelte und deren Grundriß noch immer nachvollziehbar ist, auch wenn die ältesten Gebäude, die man heute dort sieht, nicht aus den Anfangszeiten der Stadtentwicklung stammen, sondern aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit.

Eine zweite Siedlung entwickelte sich rund um die Burg Giebichenstein, die 961 zum ersten Mal erwähnt wird. Spätestens seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert war die Burg Sitz der Erzbischöfe von Magdeburg, die zugleich Stadtherren in Halle waren. Im 19. Jahrhundert wurde Giebichenstein wie die meisten der ehemaligen Vorstädte Halles eingemeindet.

Für das 12. Jahrhundert ist eine städtische Umstrukturierung Halles zu beobachten. Die Stadt erweiterte durch das Zusammenwachsen der alten Siedlungskerne ihre Fläche um das Siebenfache, wobei der Mittelpunkt der Stadt – und das ist bis heute so geblieben – nun der nördlich des Alten Marktes zentral gelegene Marktplatz wurde. Aus allen Himmelsrichtungen laufen die Straßen auf diesem Platz zusammen. An seiner westlichen Seite, als städtebaulicher Abschluß des Marktes, steht die Kirche St. Marien. Sie wurde an der Stelle der ab 1529 niedergelegten Vorgängerbauten, der noch aus karolingischer Zeit stammenden Gertraudenkirche und der zu Beginn des 12. Jahrhunderts erwähnten älteren Marienkirche, bis 1554 erbaut. Von der einst reichen Anzahl der Klöster aus dem Mittelalter, von denen das älteste und bedeutendste das westlich der Neumarktkirche über der Saale gelegene, 1116 gegründete Stift Neuwerk der Augustinerchorherren war, haben nur wenige Kirchen die Zeiten überstanden, zum Beispiel die Kirche St. Paul zum Hl. Kreuz des 1271 gegründeten Dominikanerklosters, der sogenannte Dom und die Ulrichskirche an der Leipziger Straße, das Gotteshaus des ehemaligen Servitenklosters, dessen Gründung in das Jahr 1339 fällt. Bis auf Grundstrukturen sind in Halle hingegen Klausurgebäude nicht mehr zu finden.

Halles Marktplatz hat seinen Charakter als historisches Ensemble nach dem Abriß des ehemaligen Kaufhauses Huth, eines bemerkenswerten Baus der 1920er Jahre, noch weiter eingebüßt. Schon die Kriegsbeschädigung und der nachfolgende Abbruch des alten Rathauses, aber nun auch der jüngste Kaufhausneubau, haben das Bild des Platzes so stark beeinträchtigt, daß fast nur noch seine nordwestliche Ecke und der Bereich um die Marktkirche historischen Ensemblewert beanspruchen kann. Hier stehen, in engem städtebaulichen Kontakt zu Marktkirche und Rotem Turm, einige stattliche und repräsentative Bürgerhäuser, teils noch mit spätgotischem Kern, in der äußeren Erscheinung jedoch wesentlich geprägt von Umgestaltungen der Renaissance- und Barockzeit.

Vom Marktplatz aus nehmen einige Straßenzüge ihren Ausgang, die in dem heute ganz gründerzeitlich geprägten Zentrum der Stadt ihren mittelalterlichen Gassencharakter behalten haben, so die Schmeerstraße, Kleinschmieden und die Große Märkerstraße.

Die einzigartige Baugruppe der spätgotischen Marktkirche mit ihren vier schlanken Türmen und dem als Campanile freistehenden Roten Turm prägt immer noch das Bild des Marktplatzes, wie es in den berühmten expressionistischen Veduten von Lyonel Feininger und Ernst Ludwig Kirchner festgehalten ist. Das Innere der Marktkirche gehört zu den raumgestalterischen Spitzenleistungen der sächsischen Spätgotik, zugleich ist mit dem raumprägenden Einbau einer umlaufenden Emporenanlage durch Ratsbaumeister Nickel Hofmann von 1549-54 und dem Verzicht auf einen separierten Chorraum eine geradezu programmatische räumliche Organisationsform gefunden, die bedeutenden Stellenwert in der Entwicklung des protestantischen Kirchenbaus beanspruchen darf. Die ebenfalls spätgotische Moritzburg, 1484 bis 1503 von Erzbischof Ernst von Magdeburg errichtet, beherrscht zusammen mit dem Dom und der südlich benachbarten sogenannten Neuen Residenz Kardinal Albrechts die Westseite der alten Stadt.

Die Burg Giebichenstein, im Norden der Stadt auf einem Felssporn über der Saale errichtet, ist zusammen mit dem Flußlauf und den Porphyrklippen des Saaleufers der Mittelpunkt eines romantischen Landschaftsbildes, das Joseph von Eichendorff in seinem berühmten Gedicht "Bei Halle" literarisch verewigt hat. Der von Lehmanns Garten an der Burgstraße am Saaleufer entlang und über die Klausberge bis an den nördlichen Stadtausgang führende Weg mit seinen zahlreichen Ausblicken in die Landschaft gehört gemeinsam mit der Burgruine Giebichenstein zu den eindrucksvollen landschaftsästhetischen Inszenierungen des romantischen Zeitalters.

In der Innenstadt haben nicht viele Wohnhäuser ihr mittelalterliches oder nachmittelalterliches Gepräge erhalten. Profanbauten der Gotik oder Renaissance und selbst des Barocks treten im Stadtbild seit dem 19. Jahrhundert nur noch an wenigen Stellen, hier aber um so signifikanter in Erscheinung. Im Bereich der Großen Märkerstraße ist der Hofflügel des sogenannten Schleiermacherhauses als bedeutendes Beispiel spätromanisch-frühgotischen Wohnhausbaus hervorzuheben, ein prächtiges spätgotisches Stabwerksportal des späten 15. Jahrhunderts findet sich am Haus "Zum Güldenen Schlößchen" in der Schmeerstraße, das – bereits 1412 erwähnt – als ältestes Haus der Stadt gilt.

Versteckte, aber hochbedeutende Beispiele spätmittelalterlicher Bauzier sind der gotische Blendbogengiebel des Hauses Markt 14 / Ecke Kühler Brunnen (im Kern 16. Jh.) und das reich profilierte Portal im Hof von Alter Markt 13/14. Hier haben einige Häuser einen mittelalterlichen Kern, der Ackerbürgerhof Große Klausstraße 14 wurde um einen romanischen Wohnturm des 12. Jahrhunderts errichtet.

Größer ist die Zahl aufwendiger Wohngebäude des frühen 16. Jahrhunderts, die noch spätmittelalterliches Gepräge haben. Hier sind die großen, durch steile Giebel und reiche spätgotische Bauzier – namentlich die charakteristischen Stabwerkprofile der Fenstergewände – ausgezeichneten Häuser Rannische Straße 9 und Alter Markt 7 zu nennen, die stattlichen Patrizierbauten der Großen Märkerstraße mit ihren hohen Steildächern und spätgotischen Fenstergewänden, nicht zuletzt die prächtigen Fachwerkhäuser Graseweg 6 und Kleine Ulrichstraße 33 sowie Alter Markt 26, 27 und 31, die mit ihren ebenfalls noch spätgotisch figurierten Zierausfachungen nach umfassender Restaurierung einen Eindruck der halleschen Fachwerkbaukunst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vermitteln. Der Stadtgottesacker ist eine Renaissanceschöpfung Nickel Hofmanns mit unverkennbar italianisierendem Charakter, der das spätgotische Formenrepertoire überwindet – wie auch das ebenfalls Hofmann zugeschriebene Gebäude Brüderstraße 6 aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zollten die Stadtväter dem Erhalt und Ausbau der Befestigungsanlagen größere Beachtung. Die Arbeiten waren im großen und ganzen 1478 abgeschlossen. Vom mittelalterlichen Festungsring des 15. Jahrhunderts haben sich bedeutende Teile entlang des Waisenhausringes, hier mit bemerkenswerten Resten der ehemals dichten Über- und Hinterbauung, und am Hallorenring sowie der ehemalige Wachturm des Galgtores an der Leipziger Straße erhalten. Der noch heute stadtbildprägende Leipziger Turm vermittelt bis in die Gegenwart einen lebendigen Eindruck von der verlorenen Toranlage und der Mächtigkeit der städtischen Befestigung.

Ein wichtiges Datum der Stadtgeschichte ist das Jahr 1478. Damals kam es zur Unterwerfung der Stadt durch Erzbischof Ernst von Sachsen, der im heftigen Ringen um die Stadtherrschaft die Oberhand behielt. Im Zuge dieses politischen Ereignisses wurde auf städtischem Boden die Moritzburg als Zwingburg errichtet, die 1509 fertiggestellt war. In sie wurde die Residenz der Erzbischöfe von Magdeburg verlegt, die bis dahin auf der Burg Giebichenstein residiert hatten. Unter Albrecht von Brandenburg, dem Nachfolger Ernsts von Sachsen, entstanden in der Stadt eine große Anzahl von Neubauten sowie Umgestaltungen älterer Kirchen und Häuser im Stil der Renaissance. Die Kirche des einstigen Dominikanerklosters wurde die Kirche des 1520 gerade gegründeten Neuen Stifts, das in die unmittelbar neben der Kirche gelegenen Klosterbaulichkeiten einzog. Südlich davon ließ Erzbischof Albrecht die "Neue Residenz" errichten. Der Marktplatz erhielt seine noch heute in den Grundzügen sichtbare Prägung; in diese Zeit fällt auch der Zusammenbau der beiden, die Westseite des Platzes dominierenden Kirchen St. Gertruden und St. Marien zu einer Hallenkirche unter dem Patrozinium St. Marien.

Die einprägsamste Schöpfung einer an Italien orientierten Frührenaissance ist in Halle die aus Rundgiebelaufsätzen bestehende monumentale Attika des Doms (heute evangelisch-reformierte Pfarrkirche). Die ansonsten hochgotische Hallenkirche wurde im 17. Jahrhundert durchgehend barockisiert und zur Emporenkirche umgebaut.

Das einzige in Halle aus dem 16. Jahrhundert überkommene Giebelhaus, das in Typus und Bauzier noch deutlich mittelalterlichen Charakter zeigt, ist das mit mächtigen Schweifgiebeln ausgestattete Wohnhaus Rannische Straße 9, inschriftlich datiert auf 1541. Die "welschen Giebel" erscheinen aber auch an den hochaufragenden Fassaden des Hauses "Zum Kühlen Brunnen", erbaut zwischen 1522 und etwa 1532, dem ausgedehnten Handelshof und Wohnpalast des Patriziers Hans von Schönitz, des Kämmerers von Kardinal Albrecht.

Der Dreißigjährige Krieg verschonte auch Halle nicht. So wurde 1637-39 die Moritzburg zerstört, deren Ruinencharakter heute noch maßgeblich das Stadtbild prägt. 1683 zerstörte ein Stadtbrand viele Häuser.

1680 fiel Halle gemäß den Bestimmungen des Westfälischen Friedens von 1648 nach dem Tod des Administrators des Erzbistums Magdeburg an das Kurfürstentum Brandenburg. Ein neues Kapitel der Stadtgeschichte wurde 1694 mit der Gründung der Universität aufgeschlagen. Halle wurde zu einem Zentrum der deutschen Aufklärung; hier lehrten Christian Thomasius und Christian Wolff.

Der Barock, sofern er in Sakralbauten größeren Stils zur Geltung kam – zu nennen sind die kreuzförmigen Zentralbauten von St. Georgen in Glaucha und St. Bartholomäus in Giebichenstein –, schuf schlichte Aulen für den protestantischen Predigtgottesdienst. In ihrer künstlerischen Kargkeit sind sie geprägt vom halleschen Pietismus, dem auch die spartanische Architektursprache der Franckeschen Stiftungen, 1698 von August Hermann Francke gegründet, Ausdruck verleiht. Bei dieser barocken Anlage handelt es sich um eine ausgedehnte Schulstadt mit Unterrichts-, Internats- und Wirtschaftsgebäuden. Hier freilich sind es die Größe der in Fachwerk errichteten Bauten, die beeindruckt, und eine architektonische Dimension, die mit der platzbildbeherrschenden Front des Hauptgebäudes eine Monumentalität erzeugen, die den missionarischen und pädagogischen Ambitionen des Stifters entspricht.

Die barocken Wohnhäuser, äußerlich oftmals ganz unscheinbar, bergen nicht selten wertvolle Interieurs mit reichen Stuckdecken und schönen Treppenhäusern, so in der Schulstraße 11 und 12 oder in der Kleinen Ulrichstraße 17. Nur wenige barocke Bürgerhäuser mit anspruchsvoller Fassadengestaltung sind erhalten, die – wie das Haus Große Brauhausstraße 16 – ihrer Dimension und ihrem anspruchsvollen Bauschmuck nach unverkennbar aristokratische Attitüde zeigen. Das kleine Kröllwitzer Winzergut Am Weinberg 1, gewissermaßen ein Lustschloß im bürgerlichen Kleinformat, gehört zu den am wenigsten bekannten Bauschöpfungen des Barocks in Halle und verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung.

Die napoleonische Herrschaft hatte in Halle eine Stagnation des wirtschaftlichen und – nach öffentlichen Protestbekundungen gegen die Fremdherrschaft – auch des kulturellen und geistigen Lebens bis hin zu einer zeitweiligen Schließung der Universität bewirkt. Mit der Niederlage der Franzosen in der als Völkerschlacht in die Geschichte eingegangenen kriegerischen Auseinandersetzung 1813 ging eine Zeit der Unterdrückung in Halle zu Ende. Die Vereinigung der Wittenberger Universität mit der halleschen durch Königliche Verfügung vom 6. März 1816 und die Einstellung des Lehrbetriebes in Wittenberg führten für Halle zu einem neuen Aufschwung auf dem Bildungssektor. Das Abstreifen der "französischen Fesseln" bewirkte, daß sich die wirtschaftliche Blüte in ihrer ganzen Vielfalt entwickeln konnte.

Es war nicht die Altstadt, von der im 19. Jahrhundert die Impulse der Stadtentwicklung ausgingen, sondern die vor allem nach 1870 neuentstehenden Industriebetriebe und Fabrikanlagen beeinflußten den gründerzeitlichen Gestaltwandel der Stadt maßgeblich. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist ein "Überborden" der alten Stadtgrenzen, ein Verwachsen mit dem ländlich-dörflichen Umfeld, zu beobachten; alte Amtsvorstädte wie Glaucha oder Neumarkt wurden bereits 1817 eingemeindet, die Saalkreisdörfer Giebichenstein, Kröllwitz und Trotha folgten am 1. April 1900. Neue Wohnviertel entstanden zwischen 1850 und 1910 im landschaftlich reizvollen Norden der Stadt für mittlere und gehobene Wohnansprüche, so das repräsentative Mühlwegviertel, das Friedrichstraßenviertel (um die heutige August-Bebel-Straße) und das Paulusviertel. Sie stehen im Kontrast zur proletarisch-industriellen Bebauung südlich der Altstadt. Dort wurden die Arbeiter in Mietskasernen untergebracht, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Fabriken liegen, so daß hier die typisch industriegroßstädtische Mischbebauung mit Wohn- und Gewerbefunktion zustande kam. Sie hat sich bis heute erhalten, wird aber zunehmend bedroht durch Flächenabrisse im Bereich der großen Industriekomplexe, die der städtebaulichen Struktur ihre Orientierungsmarken nehmen.

Die Industrialisierung war der entscheidende Faktor, der seit dem 19. Jahrhundert das Gesicht der Stadt geprägt hat. Sie erhielt seit den 1830/40er Jahren mit dem Aufkommen des Eisenbahnverkehrs starke Impulse, die bis in das beginnende 20. Jahrhundert anhalten sollten. Firmengründungen großen Stils lassen sich schon für die 1850er und 1860er Jahre, dann allerdings verstärkt in der Zeit unmittelbar nach der Reichsgründung belegen. Primäre Standortfaktoren, die den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt begünstigten, waren die großen Braunkohlevorkommen als industrielle Energieträger und die intensive Landwirtschaft (vornehmlich der Zuckerrübenanbau) im unmittelbaren Umland. Sie waren Voraussetzungen für die Entwicklung sekundärer Industriebetriebe wie Maschinenbau, Waggonbau, Kessel-, Pumpen- und Pressenherstellung. Auch entwickelte sich in Halle eine breitangelegte industrielle Lebensmittelproduktion mit großen Kaffee-, Zucker-, Malzfabriken, Industriemühlen und Brauereien, vor allem entlang der Merseburger Straße und des Böllberger Weges im Süden der Stadt.

Mit der Ausdehnung der industriellen Massenproduktion ging ein rasch steigender Bedarf an Arbeitskräften einher. Es kam zu starker Zuwanderung von Menschen, die in den jungen Industriezweigen Arbeit suchten. Waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts 25 000 Menschen in Halle ansässig, so hatte sich ihre Zahl bis 1871 verdoppelt. Mit der Expansion der Industrie verdoppelte sich die Einwohnerzahl bis 1890 erneut – auf gut 100 000 Menschen. Für diese neuen Arbeitskräfte und ihre Familien mußte Wohnraum geschaffen werden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das langgestreckte Stadtgebiet zwischen der Saale und den Gleisanlagen der Eisenbahn nahezu komplett mit Wohnhäusern und Industrieanlagen bebaut.

Die heute im wesentlichen noch vollständig erhaltenen Stadterweiterungsgebiete der Gründerzeit zeigten eine jeweils charakteristische Bau- und Sozialstruktur. Altstädtische und gründerzeitliche Strukturen verzahnten sich in den unmittelbar vor den Stadttoren gelegenen Vorstädten, erkennbar heute noch im Bereich des Steinweges und der nordöstlichen Großen Steinstraße. Während von der alten Steintorvorstadt entlang der Großen Steinstraße nur wenige vorgründerzeitliche Häuser erhalten sind, finden sich in der vor dem ehemaligen Klaustor westlich der Stadt in Höhe der sogenannten Neuen Residenz gelegenen Klaustorvorstadt entlang der Mansfelder Straße mehrere stattliche barocke Ausspannhöfe, daneben aber auch große Wohnhäuser und Gewerbeeinrichtungen des 19. Jahrhunderts.

Die südliche Stadterweiterung mit dem sternförmigen Rannischen Platz als städtebaulichem Zentrum ist die erste große planmäßige Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts. Sie entstand seit zirka 1870. Es handelt sich bei dieser Stadterweiterung um eine Durchdringung mit der für den Städtebau des 19. Jahrhunderts charakteristischen schematischen Radial- und Rasterplanung. Das Wohngebiet zeigt noch heute eine nahezu geschlossene Blockrandbebauung. Es dominieren lange Straßenschluchten von Mietskasernen mit meist aufwendigen Neurenaissance- und -barockfassaden. Die letzten Baulücken schlossen die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Jugendstilmietshäuser in schlichteren Formen. Bemerkenswert ist die soziale Staffelung der Straßenräume, die im Verlauf von Ost nach West immer "besser" werden: Auf baumlose Mietskasernenstraßen folgen einreihig baumbestandende und schließlich alleeartige Straßen mit Vorgärten.

In der für die Gründerzeit typischen Manier sind die zeitgenössischen Fabrikanlagen nicht als reine Zweckbauten erstellt worden. In der Mehrzahl handelt es sich um architektonisch überaus ansprechende, repräsentative Schauarchitektur, deren Funktion stets auch eine symbolische war. So lassen sich an diesen sehenswerten Bauwerken Formen unterscheiden, die von italianisierender Renaissance (Maschinenfabrik, Teerfabrik Ammendorf) über einen neomittelalterlich geprägten "Burgenstil" (Malzfabrik, Böllberger Mühle) bis hin zu betont nüchternen Formen der englischen Industriearchitektur (Zuckerraffinerie) und den dekorativen Extravaganzen des Jugendstils (Brauereien Glauchaer Straße und Böllberger Weg) reichen. Die Fabriken sind allesamt attraktive Baukunstwerke, die für das städtebauliche und atmosphärische Gepräge der einzelnen Stadtquartiere von außerordentlicher Bedeutung sind. Ihre oft straßenbildbeherrschenden Fassaden, Türme und Schlote schaffen – darin den Kirchen und monumentalen öffentlichen Bauten vergleichbar – eindrucksvolle Sichtachsen und sind wichtige städtebauliche Orientierungsmarken im Stadtbild. So formieren die Industriebauten ein stadtübergreifendes und in hohem Maße stadtbildprägendes Denkmalensemble. Prägend für die gründerzeitliche Stadtansicht sind gerade die vielen Schornsteine, die zu den alten Kirch- und Stadttürmen als silhouettenbildende Elemente hinzutreten. Das markanteste noch vorhandene Schornsteinensemble ist das der historischen Saline an der Mansfelder Straße, deren drei unterschiedlich hohe Schlote heute in augenfälliger Weise die Entwicklung der industriellen Salzgewinnung vom 18. bis ins 20. Jahrhundert symbolisieren.

Im Zusammenhang mit der urbanen Entwicklung der Gründerzeit sind auch die typisch städtischen Versorgungseinrichtungen zu sehen. Mit dem industriellen Wachstum und der Bevölkerungszunahme wuchs auch der Bedarf an solchen Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Seit 1856 existiert die städtische Gasanstalt, die ab 1891 aufgrund gestiegener Nachfrage eine neue Anlage mit größerer Kapazität bauen ließ. Als Novum wurde 1900 das Elektrizitätswerk eröffnet. Beide Bauten liegen am Holzplatz in malerischer Freilage am Saaleufer. 1867/68 wurden im Süden Halles das Wasserwerk Beesen gebaut, im Norden der Stadt 1893 das Wasserwerk Trotha. Der aufwendig gestaltete Wasserturm Nord ist das architektonische und funktionale Monument der zentralen städtischen Wasserversorgung als großer stadttechnischer Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Gleiches gilt für den Schlachthof, der mit seinen imposanten Markt- und Schlachthallen den ausgedehnten Bahnhofsanlagen zugeordnet ist. Stilbildend für diese Funktionsbauten ist der Eisen- und Stahlbau mit seinen filigranen Hallenkonstruktionen und der Backsteinrohbau, der weniger von historisierenden Zitaten als von den eigentümlich konstruktiven und polychromen Gestaltungsmöglichkeiten dieses Baustoffes lebt.

Im Zuge der zunehmenden Bedeutung Halles als Verkehrsknotenpunkt wurde 1890 der Hauptbahnhof errichtet. Die ausgedehnten Bahnanlagen, deren Zentrum die repräsentative Bahnhofshalle ist, bilden mit ihren zahlreichen, markanten Funktionsbauten, Lokschuppen und Werkstätten ein stadträumliches Ensemble von ganz eigenem Wert, dem im Süden verschiedene Fabriken, das imposante Gebäude der ehemaligen Reichsbahndirektion und der Post an der Ernst-Kamieth-Straße sowie im Norden der Schlachthof funktionell und optisch zugeordnet sind. Dieses, auf der Ansicht von den Bahngleisen aus beruhende, also An- und Abreisenden zugedachte Architekturensemble wird als solches viel zu wenig beachtet und ist von besonderem Wert für das Gepräge der gründerzeitlichen Großstadt Halle.

1881 installierte man im Stadtgebiet ein neues Straßenbahnschienennetz, das erste elektrifizierte Oberleitungssystem Deutschlands. Erhalten ist bis heute das historische Straßenbahndepot an der Seebener Straße mit seiner wertvollen Sammlung historischer Straßenbahnwagen.

Neben den an den wichtigen Ausfallstraßen gelegenen Kasernen entlang der Reil-, Damaschke- und Paracelsusstraße sind es auch die großen Anstaltsbauten, Krankenhäuser, Heil- und Pflegeanstalten wie das Riebeckstift und die Provinzialblindenanstalt im Süden der Stadt, die Irrenanstalt an der Heideallee und die Universitätskliniken an der Magdeburger Straße sowie die "Kinderbewahranstalten" für die Arbeiterkinder (Adam-Kuckhoff-Straße, Schopenhauerstraße), die das Erscheinungsbild der gründerzeitlichen Großstadt ganz ent- scheidend mitbestimmen.

Der Saaleabhang westlich des Botanischen Gartens, die Straße Neuwerk und die nördlich anschließende Burgstraße entwickelten sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer bevorzugten großbürgerlichen Wohngegend im Norden der Stadt. In landschaftsbeherrschender Höhenlage entstanden hier weit ab von den Produktionsstätten und Arbeiterquartieren Fabrikanten- und Bankiersvillen großen und größten Stils. Sie sind für das ebenso beeindrukkende wie gut erhaltene Ensemble neben den schloßartigen historistischen Villen der Bankiers Lehmann und Steckner an der Burgstraße und am Neuwerk heute prägend.

Das sogenannte Mühlwegviertel, dem baulich auch die ehemalige Neumarktvorstadt, das Gebiet um den Botanischen Garten und die Geiststraße, zuzuordnen sind, ist ein großbürgerliches Wohnviertel im Norden der Stadt, mit teils geschlossener und teils halboffener Bebauung. Hier finden sich neben freistehenden Villen anspruchsvolle villenartige Stadthäuser in allen historisierenden Stilen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Städtebauliche Dominanten sind heute die im Kern romanische St. Laurentiuskirche, an der Straße Am Kirchtor gelegen, die neugotische Stephanuskirche an der Stephanusstraße, das Landesmuseum für Vorgeschichte am Rosa-Luxemburg-Platz und die mächtige Zuchthausanlage, ebenfalls Am Kirchtor.

Das nördlich anschließende Kurviertel besteht aus der städtebaulichen und landschaftlichen Umgebung der Burg Giebichenstein und der Giebichensteinbrücke sowie dem um das historische Solbad Wittekind gelegenen Wohnviertel mit Reichardts Garten, das mit bürgerlichen Wohnhäusern und anspruchsvollen Villen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts besetzt ist. Charakterisiert durch seine starken Höhenunterschiede und die vom Flußlauf geprägte landschaftliche Lage, darf man das Kurviertel als den reizvollsten Stadtteil im Norden Halles bezeichnen. Besonders bemerkenswert als Relikt des einst blühenden Kurbetriebes an diesem Ort sind heute einige noch erhaltene Logierhäuser für Kurgäste entlang der Wittekindstraße.

Während das Mühlwegviertel eine städtebaulich wenig anspruchsvolle Rasterplanung zeigt, in der allenfalls die Kirchtürme und monumentale Bauten wie das Gymnasium in der Ernst-Schneller-Straße, das Landesmuseum für Vorgeschichte am Rosa-Luxemburg-Platz oder die Stephanuskirche städtebauliche Akzente setzen, ist das Paulusviertel im Nordosten der Stadt die stadtplanerisch bei weitem anspruchsvollste Leistung des 19. Jahrhunderts in Halle.

Die Planung des Stadtbaurats Karl Otto Lohausen schuf hier eine überzeugende Synthese aus Raster- und Radialsystem und gelangte so zu repräsentativen, geradezu imposanten Sichtachsen wie auch zu malerisch-intimen Straßenräumen. Das gesamte Viertel wird von der neugotischen Pauluskirche monumental beherrscht. Die seit 1880 zügig bebaute Radialstraßenanlage, in ihrer städtebaulichen Struktur von großer stadtgestalterischer Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Wirkung, ist mit großen Mietshäusern, bürgerlichen Wohnhäusern und großzügigen Stadtvillen in allen Stilen des Historismus und des frühen 20. Jahrhunderts besetzt, darunter mehreren wertvollen Bauten des Jugendstils, der Reformarchitektur und der klassischen Moderne. Hier läßt sich gut die soziale Staffelung, zugleich aber auch die stadtplanerisch erwünschte Durchmischung der Wohnmilieus von der Villa über das anspruchsvolle Mietshaus bis zum einfachen Mietshaus nachvollziehen.

Der Wohnhausbau der Gründerzeit, namentlich im Bereich der Mietskasernenfassaden, ist mit den üblichen stilhistorischen Kategorien kaum sinnvoll zu ordnen. Je billiger der Bau, desto undefinierbarer oft die Stilzuweisung. Fassadenbilder, die eine historisch korrekte Wiederaufnahme der Stilvorbilder zeigen, sind selten; ebenso rar sind Gestaltungen, denen eine originelle Weiterentwicklung des überkommenen Formenrepertoires gelingt. Bis in die 1860/70er Jahre bleibt der Spätklassizismus Berliner Prägung im Mietshaus- und Villenbau vorherrschend. Nach der Jahrhundertmitte mischen sich diesem Stil zunehmend Renaissanceelemente bei. Die bauliche Hochkonjunktur der Gründerzeit findet ihren angemessenen Ausdruck in neubarocken Fassaden; eine bemerkenswerte Versachlichung bei gleichzeitiger Differenzierung der Baumassenverteilung im Sinne "malerischer" Architekturauffassungen bringt der Siegeszug der Deutschen Renaissance am Ende des 19. Jahrhunderts. Die gesamte gründerzeitliche Bauproduktion ist darüber hinaus vom eklektizistischen Neben- und Durcheinander all dieser Stilreminiszenzen, oft an einem Bau, geprägt. Eine Architektur wie Loests Hof im Süden Halles an der Merseburger Straße jedoch, eine riesenhafte Mietskaserne in Blockrandbebauung von gut 200 Metern Länge, repräsentiert in ihrem rohen Backsteinfunktionalismus ohne große gestalterische Ambition geradezu idealtypisch den berüchtigten Typus des Massenwohnungsbaus im späten 19. Jahrhundert. Die Hinterhäuser und -höfe der halleschen Mietskasernen, wie sie allenthalben zum Inbegriff für die Wohnungsmisere des gründerzeitlichen Deutschlands wurden, erscheinen heute immerhin als sozial- und stadtbaugeschichtlich bemerkenswerte Struktur, deren Erhaltung bei entsprechender Nutzungsmöglichkeit durchaus zum denkmalpflegerischen Anliegen werden kann.

Die elaborierte Stilkunst des Historismus fand ihren eindrucksvollsten Niederschlag im Bau großbürgerlicher Villen. In einer Art neugotischen Burgenstils sind die "Fabrikantenschlösser" an der Kurallee, Platanenstraße und Reichardtstraße errichtet.

Die villenartigen Stadthäuser, die in geschlossener oder halboffener Bebauung aneinandergefügt sind, zeigen vielfach klassisch-symmetrische Fassadenbilder barocken oder renaissancehaften Charakters. Im Vor- und Zurücktreten der Erker, Veranden und Balkone, nicht zuletzt durch architektonisch reich ausgebildete Dachlandschaften entsteht dabei ein malerisches Straßenbild. Die Villen, Wohn- und Geschäftshäuser der halleschen Architekturbüros Reinhold Knoch und Friedrich Kallmeyer oder Albert und Ernst Giese sind in dieser Hinsicht besonders hervorzuheben. Die Villa Steckner am Neuwerk oder die Industrie- und Handelskammer am Georg-Schumann-Platz von Knoch und Kallmeyer sind Beispiele eines raffinierten Eklektizismus aus spätgotischen und Jugendstilelementen, der um und nach der Jahrhundertwende das Bizarre zum Stilprinzip erhoben hat.

Der Sakralbau des 19. Jahrhunderts bietet in Halle in qualitativer Hinsicht ein vergleichsweise bescheidenes Bild. Die meist mit geringem Aufwand an Bauzier errichteten Ziegelbauten der St. Norbertkirche in Giebichenstein, der St. Petruskirche in Kröllwitz oder der Johanneskirche im halleschen Süden stehen in der Verwendung des Backsteins als Baumaterial und der daraus resultierenden kargen gotischen Formensprache in der Tradition der Hannoveraner neugotischen Schule Conrad Wilhelm Hases. Ein hinsichtlich seiner Raumdisposition origineller, mit Blick auf zeitgenössische liturgische Entwicklungen moderner Beitrag zur Bauaufgabe Kirche ist Friedrich Fahros kleine Anstaltskirche des Diakonissenkrankenhauses, ein Bau, der raumorganisatorischen und gestalterischen Ideen verbunden ist, wie sie im "Wiesbadener Programm" von Johannes Otzen, dem führenden protestantischen Kirchenbaumeister des späten 19. Jahrhunderts, vorgeprägt sind.

Zwei anspruchsvolle Sakralbauten repräsentieren eine archäologisch-doktrinäre Architekturauffassung, die in Formen der Spätgotik gestaltete katholische Propsteikirche St. Franziskus und St. Elisabeth des Paderborner Dombaumeisters Arnold Güldenpfennig, die den Moritzzwinger beherrscht, und die schöne Kapelle des Südfriedhofes an der Huttenstraße von Stadtbaurat Karl Otto Lohausen, ein hochaufragender Zentralbau mit Kuppel in Formen der italienischen Hochrenaissance. Auf dem Sektor des Sakralbaus ist diese Stilwahl in den Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts eher selten.

Die bedeutendste sakrale Architekturleistung des Historismus in Halle ist die stadtbildbeherrschende Pauluskirche, ein Bau, der nur in Details der historisierenden Stilkopie verhaftet ist, in seinem pyramidal-gedrungenen Zuschnitt jedoch bereits einer moderner anmutenden Monumentalität und Vereinfachung des Gesamtaufbaus verpflichtet om und Neuer Residenz bekam ein eindrucksvolles Gegenüber, indem der Robert-Franz-Ring mit aufwendigen Miets- und Einfamilienhäusern ausgebaut wurde. Der Verlauf des alten Befestigungsringes verwandelte sich in einen repräsentativen Promenadenring, der die Stadt im Süden, Norden und Osten umzog. Die Poststraße (heute Hansering) galt als prächtigste Straße des gründerzeitlichen Halle, am Nordende platzartig gefaßt durch die Monumentalbauten des neugotischen Gerichts, der neuromanischen Post und des neubarocken heutigen Saalkreis-Landratsamtes. Der weitere nördliche Verlauf des Rings wird geprägt durch das forumartige Ensemble der spätklassizistischen Universitätsbauten, dem auch das Stadttheater und verschiedene repräsentative Wohn- und Geschäftsbauten des späten 19. Jahrhunderts zugeordnet sind.

Von den innerstädtischen Warenhäusern sind der prachtvolle neubarocke Bau an der Leipziger Straße 100, erbaut 1889/90 von Albert und Ernst Giese, und die gegenüberliegende Jugendstilfassade Leipziger Straße 6, 1900 von Reinhold Knoch und Friedrich Kallmeyer erbaut, hervorzuheben. Im Warenhaus Leipziger Straße 105/106 findet sich noch ein unveränderter Lichthof in Jugendstilformen. In den Warenhäusern Große Ulrichstraße 19 und 22/23 sind die Lichthöfe in ihrer architektonischen Grundstruktur ebenfalls erhalten geblieben.

Die Große Ulrichstraße ist der eindrucksvollste historische Straßenraum der Innenstadt. Ihre noch mittelalterlich anmutende Enge und ihr gekrümmter Verlauf verhelfen den hier stehenden prächtigen Geschäftshäusern – meist in Formen der Neurenaissance und des Neubarocks – zu einer fast bedrängend imposanten Wirkung. Hier und da finden sich dazwischen Relikte der vorgründerzeitlichen Bebauung – das Renaissancehaus in der Großen Ulrichstraße 47 oder das kleine, spätbarocke, verputzte Fachwerkhaus in der Oleariusstraße 4. Diese Häuser stehen winzig, stilistisch fremd und wie eingezwängt zwischen den gründerzeitlichen Prachtbauten und symbolisieren durch diesen Kontrast aufs eindrucksvollste den enormen städtebaulichen Expansions- und Umstrukturierungsprozeß, den die Stadt im 19. Jahrhundert erlebte.

Die wichtigste Architekturleistung des späten Historismus in Halle ist das monumentale Landgerichtsgebäude von 1905 in den Formen der späten Gotik, das mit seiner breitgelagerten Doppelturmfassade den Hansering beherrscht und in seinem Innern durch eine großartige zentralisierende Treppenhalle erschlossen wird.

Außerordentlich qualitätvolle Beispiele historisierender Backsteinarchitektur mit dekorativ polychromem Mauerwerk haben sich in Halle in großer Zahl erhalten, insbesondere die Bauten des Universitätsbaudirektors Ludwig von Tiedemann. Die Klinikbauten an der Magdeburger Straße 22 von 1875 bis 1886 oder die Anatomie Große Steinstraße 52 von 1878–80 sind hier hervorzuheben. Die von Tiedemann geplante Universitäts- und Landesbibliothek von 1878–80, die seinerzeit erste Magazinbibliothek Deutschlands, ist als Zeugnis einer geradezu funktionalistischen Architekturauffassung der Gründerzeit eines der bedeutendsten Baudenkmale dieser Epoche in Sachsen-Anhalt.

Der Jugendstil, der um 1900 die historistische Stilkunst zunächst durchdringt und dann verdrängt, zeigt in Halle ein seiner Qualität nach zwar provinzielles, im Detail aber vielfältiges und zuweilen witziges Gesicht. Zu "stilreiner" Ausprägung dieser Strömung kommt es sehr selten. In der Ulestraße findet man Beispiele für die Verwendung dieses Stils an Wohnhäusern gehobenen Niveaus. Die Bernhardystraße kann für die Verwendung des Jugenstils an schlichteren Mietshausfassaden gelten. Ein besonderes Beispiel ist der Volkspark, Burgstraße 27. Der 1907 von Albert und Ernst Giese entworfene Saalbau thront gleichsam mit seinen vier Ecktürmen über der Saalelandschaft. Der Haupteffekt der neuen Kunstströmung besteht in Halle darin, die überlieferten historischen Formen in einem eigentümlichen Durcheinander verbunden zu haben. Dies ist auch der Fall bei dem originellen Wohn- und Geschäftshaus Große Ulrichstraße 33/34. Jugendstilistisches und spätgotisches Formengut gehen hier eine bemerkenswerte Symbiose ein.

Die Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des ersten Weltkrieges ist durch das Vordringen der architektonischen und kunsthandwerklichen Reformbestrebungen geprägt, wie sie der Denkmalwerkbund und die Heimatschutzbewegung propagierten. Richard Riemerschmidt, einer der Exponenten des Werkbundes, baute 1911 in der Ernestusstraße 27 eine repräsentative Villa, die eine sachlich-traditionelle Architektursprache mit Elementen der regionalen Baugeschichte wie dem Maßwerkgiebel verbindet. Mit dem Amtsantritt des halleschen Stadtbaurates Wilhelm Jost im Jahre 1912 wird die Reformarchitektur süddeutscher Färbung gewissermaßen amtsoffiziell. Die städtischen Hochbauten (Stadtbad Schimmelstraße 1-4, Altenheim Glauchaer Straße 68 von 1912-14, Gertraudenfriedhof, Landrain 25, 1912-14) sind als besonders qualitätvolle Zeugnisse der Reformbestrebungen nach der Jahrhundertwende zu werten. Weitaus einfühlsamer als noch die Architektur der Gründerzeit geht das frühe 20. Jahrhundert auch mit den städtebaulichen Strukturen der mittelalterlichen Stadt um. Die Verbreiterung der Rathausstraße durch das malerisch gestaffelte Gebäude der Stadtsparkasse, von Wilhelm Jost 1912-14 erbaut, ist dafür ein gutes Beispiel.

Städtebaulich meisterhaft gelang auch die Integration des spätgotischen Leipziger Turms in das neue großstädtische Straßenbild durch die Architekten Theodor Lehmann und Gustav Wolff, die in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Geschäftshaus errichteten, das im städtebaulichen Zusammenspiel mit dem Turm die historische Situation des 1819 abgerissenen Galgtores reaktiviert.

Die Architektur der 1920er und frühen 1930er Jahre ist in Halle wie anderswo gekennzeichnet durch einen bunten Pluralismus moderner und weniger moderner Stile. Anders aber als zum Beispiel Magdeburg hatten es die Verfechter des Neuen Bauens in der Saalestadt schwerer, Fuß zu fassen. Im Unterschied zu den Magdeburger Stadtbauräten Bruno Taut und Johannes Göderitz waren zumindest die städtischen Bauten vom Konservatismus des Stadtbaurates Wilhelm Jost geprägt. Die divergierenden Stilströmungen der 1920er Jahre, Heimatstil, Expressionismus und Neues Bauen, erscheinen in nur wenigen Bauwerken "rein" ausgeprägt. Die meisten Entwürfe der Zeit sind ausgesprochen eklektizistisch und vermischen mehr oder minder gekonnt Elemente dieser Richtungen. Dennoch ist die Hinterlassenschaft an stilistisch profilierten Schöpfungen des Neuen Bauens und des Expressionismus in Halle beachtlich. Die Ausstrahlung der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein, vor allem auch die Nähe des international agierenden Bauhauses im benachbarten Dessau haben Spuren hinterlassen.

Als wertvollste städtebauliche und architektonische Leistungen auf dem Gebiet des gemeinnützigen Wohnungsbaus haben in Halle die Siedlung Vogelweide, erbaut 1930-32, und die Wohnanlage um den Lutherplatz, errichtet 1927-29, zu gelten. Während an der Vogelweide die langgestreckten Baukuben schematisch nach dem Prinzip des damals als höchst fortschrittlich propagierten Zeilenbaus parallelisiert sind, ist die Wohnanlage Lutherplatz eine fast klassisch-symmetrische Platzschöpfung mit eindrucksvollen Achsenbildungen, beherrscht von Wilhelm Josts monumentalem Wasserturm Süd, einer Funktionsarchitektur im Wettstreit mit zeitgenössischen Werken von Fritz Höger und Fritz Schumacher.

Die strenge Linie des Neuen Bauens im Sinne des Internationalen Stils fand bezeichnenderweise besonders breiten Eingang in die großbürgerliche Villenarchitektur. Hans Wittwer kam dem minimalistischen Stil des Dessauer Bauhauses mit seiner Villa am Kirschbergweg 27/29, 1930–34 erbaut, besonders nahe, die Villen von Wilhelm Facilides an der Heinrich-Heine-Straße 6 (von 1929/30) und an der Dölauer Straße 82 (erbaut 1929–31) und Richard Schmieders Villa am Habichtsfang 13 in Nietleben (von 1928) zeigen in der Verwendung von Backstein und Runderkern eine mehr plastisch-malerische Orientierung. Der markanteste Villenbau avantgardistischer Prägung ist aber das von Johannes Niemeyer entworfene große Wohnhaus in der Lettiner Straße 15 in Kröllwitz von 1925, das unverkennbar vom dynamischen Kurvenstil Erich Mendelsohns, Hans Scharouns und der holländischen Expressionisten inspiriert ist.

Die städtebaulich vorzüglich eingebundene und in der Bildung halbrunder "Bastionen" mit der gegenüberliegenden mittelalterlichen Moritzburg korrespondierende AOK-Zentrale von Martin Knauthe am Robert-Franz-Ring 16 von 1929-31 und das gemeinsam mit Alfred Gellhorn entworfene Bürohaus Forsterstraße 29 von 1921/22 mit seinem kraftvollen Fassadenrelief sind Bauten, die gleichermaßen vom Funktionalismus und vom Expressionismus der 1920er Jahre beeinflußt sind. Von Knauthe, dem bedeutendsten Vertreter sachlich-funktionalistischer Architekturauffassung in Halle, stammt auch die wirkungsvolle Ecklösung der ehemaligen AOK-Geschäftsstelle an der Clara-Zetkin-Straße 15 von 1927. Das ehemalige Kaufhaus Huth am Markt, errichtet 1928 von Gustav Wolff und Wilhelm Ulrich, war der wichtigste Warenhausbau sachlich-moderner Stilhaltung in Halle. Mit seinem Abriß wurde dem städtebaulich ohnehin schwer beschädigten Marktplatz weiterer Schaden zugefügt.

Die stilistische Gegenposition zum Funktionalismus und Expressionismus vertritt der hallesche Architekt Hermann Frede, der als profiliertester Vertreter der konservativen Richtung gelten darf, nachdem sich der hallesche Stadtbaurat Wilhelm Jost mit den Transformatorenhäusern an der Anhalter Straße 19 (1926), an der Merseburger Straße (ca. 1925), am Moritzzwinger (1927) und am Universitätsring (1928), der bemerkenswerten Straßenbahnhalle an der Freiimfelder Straße 74/75 (1926/27), dem Ratshof (1928/29) sowie dem unter seiner Leitung von Albrecht Langenbach errichteten Arbeitsamt Am Steintor 14/15 (1929/30) einem gemäßigten Modernismus zugewandt hatte. Eine besonders eindrucksvolle städtebauliche Situation definierte Frede mit den monumentalen Bauten des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft Halle und der ehemaligen Bank der Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft in der Maxim-Gorki-Straße 4 bzw. 13, von 1921–25. Seine Fabrikantenvillen am Neuwerk 1–3 und 18 (beide von 1922) zeigen zuweilen expressionistische und Art-déco-Elemente, sind aber im ganzen einem sachlich-kultivierten Heimatstil neoklassizistischen Gepräges verpflichtet. Anspruchsvolle Villen, die dem neobiedermeierlichen Architekturideal der Stuttgarter Schule nahestehen, sind in der Reideburger Straße 40 und Doläuer Heide (Rotbuchenweg 1, Waldstraße 26) zu finden.

Die aufwendigste expressionistische Architekturleistung der 1920er Jahre war das Kaufhaus Ritter des Architekten Bruno Föhre an der Leipziger Straße 87–92. Von dem mit prachtvoller Baukeramik reich verzierten Geschäftshaus, das in der dekorativen Verwendung des Backsteins an die berühmten Hamburger Kontorhäuser Fritz Högers erinnert, sind nur noch wenige Reste der keramischen Bauzier erhalten und in der Moritzburg deponiert. Der Großteil des Hauses fiel der Kriegszerstörung, seine beachtlichen Reste einem Abrißbegehren der letzten Zeit zum Opfer. Wilhelm Ulrichs originelles Zelthaus auf dem Ratswerder kann heute als das wichtigste erhaltene Zeugnis expressionistischer Architektur in Halle gelten.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die zuweilen qualitätvollen Umgestaltungen der in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg geringgeschätzten Gründerzeitfassaden von Geschäftshäusern im sachlichen oder expressiven Stil: An der Leipziger Straße 15 gestaltete Hermann Frede eine moderne Variation des althalleschen Giebelhauses. Die schöne, vielgiebelige Fassade mit markanten Dreiecksvorlagen von Richard Schmieder in der Geiststraße 39 von 1925 ist die reizvollste Leistung auf diesem Gebiet.

Eine sehr beachtliche expressionistische Innenraumgestaltung stellen die von dem Trierer Architekten und namhaften Kirchenbauer Heinrich Otto Vogel geschaffenen Umbauten im Verbindungshaus und nachmaligen Studienstift am Jägerplatz 30/31 von 1928 mit seinen grottenartigen Zellengewölben dar, ein typisches Zeugnis expressionistisch-gotischer Rezeption.

Unter den Kirchenbauten der Zwischenkriegszeit kann Wilhelm Ulrichs Franziskanerklosterkirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit an der Lauchstädter Straße 146, ein dreieckiger Zentralbau, als Beispiel expressionistischer Raumkunst der 1920er Jahre im Vergleich mit den kühnsten Kirchenbauten im süd- und westdeutschen Raum durchaus bestehen. Die Christuskirche an der Freiimfelder Straße 89/90 von Georg Roediger, 1926/27 als Klinkerbau mit steilen Giebeln erbaut, ist ebenfalls dieser Architekturrichtung zuzuordnen, bleibt aber in der Baukörperbildung traditioneller und besticht vor allem durch dekorative Behandlung des Baumaterials Backstein.

Aus der Zeit des Nationalsozialismus haben sich in Halle einige wenige, aber durchaus markante Architekturzeugnisse erhalten. An erster Stelle ist die Anlage der Heeresluftnachrichtenschule an der Heideallee zu nennen, von Ernst Sagebiel, einem der prominentesten Architekten der NS-Zeit, 1936/37 erbaut, der mit den monumentalen Flughafenbauten in Berlin-Tempelhof und dem Gebäudekomplex des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin einige der bekanntesten technischen Funktionsbauten der NS-Zeit schuf. Wie diese ist auch der hallesche Schul- und Kasernenkomplex von einem in der Grundhaltung funktionalistischen Neoklassizismus geprägt, der am ehesten dem Stil Heinrich Tessenows und Wilhelm Kreis' nahesteht, sich von diesem aber durch rigideren Ornamentverzicht und forcierten Monumentalismus unterscheidet. Eine ähnliche Architekturauffassung verrät das ehemalige, 1936–39 erbaute Lazarett der Luftwaffe an der Röntgenstraße in Dölau. Die von Wilfried Wendland 1937/38 errichtete Heilandkirche am Krokusweg schließlich zeigt den für den Kirchenbau der NS-Zeit kennzeichnenden Verzicht auf alle modernen und expressionistischen Stilattribute, wie sie für die Sakralarchitektur der Weimarer Zeit charakteristisch sind.

Architekturgeschichtlich aussagekräftig ist die städtebauliche Verbindung zweier stilistisch gegensätzlicher Schulbauten an der Diesterwegstraße. Während die Diesterweg-Schule von 1929/30 dem Neuen Bauen verpflichtet ist, scheint der spiegelsymmetrisch dazu angeordnete Bau des Reichwein-Gymnasiums von Wilhelm Jost aus dem Jahre 1938/39 mit seinen heimattümelnden Gestaltungselementen alle stilistischen Eigenarten seines modernen Nachbarn gleichsam annullieren zu wollen.

Die Architekturproduktion der DDR-Zeit bietet in Halle hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer gestalterischen Qualität nur in wenigen Fällen Ansatzpunkte für eine Denkmalbegründung. Da die Stadt von großen Kriegseinwirkungen verschont blieb, kam es nach dem zweiten Weltkrieg – anders als in Magdeburg oder Dessau – nicht zu großangelegten Planungen, die stadtbildprägende Wirkung entfaltet hätten.

Bezeichnende Beispiele für den Neoklassizismus der 1950er Jahre, wie er damals als progressive "nationale Tradition" kultiviert wurde, finden sich an einigen Stellen der Stadt (zum Beispiel die Wohnanlagen Delitzscher Straße/Ecke Freiimfelder Straße, Merseburger Straße 127–135). Die Wohnanlage an der Wilhelm-von-Kügelgen-Straße repräsentiert mit ihren steilen Walmdächern und Fensterläden den neobiedermeierlichen Hausbau, wie er in den 1920er und 1930er Jahren im Umfeld der Stuttgarter Schmitthenner-Schule kultiviert wurde. Noch ganz in der Tradition der konservativen Architektur der 1930er Jahre und des bodenständigen Bauens der Zwischenkriegszeit steht die schöne, 1951 erbaute Poliklinik an der Merseburger Straße 378, die gediegenste Leistung der Architektur der frühen Nachkriegszeit in Halle. Typisch für die internationalen Architekturmoden der 1950er Jahre, denen sich die DDR-Architektur nach der Abkehr vom Neoklassizismus der Stalin-Ära anschloß, ist das elegante Treppenfoyer im Chemischen Institut an der Hollystraße 1, das 1957–61 erbaut wurde. Hinsichtlich der architekturgeschichtlichen Wandlungen ist das geradezu antithetische Gegenüber von "Zuckerbäckerstil" und modernistisch-dekorativer Rastermode der 1950er Jahre an den beiden Bauten des Biochemischen Instituts am Weinbergweg 15 sehr aufschlußreich.

Mit der Umstellung der Bauproduktion auf industrielle Fertigungsmethoden seit Ende der 1950er Jahre wurden die architektonischen und städtebaulichen Entfaltungsmöglichkeiten radikal auf die Bildung stadträumlicher Großstrukturen und die Dekoration mit seriellen Formsteinelementen beschränkt. Mehr als die Plattenbauten jener Jahrzehnte verraten die zahlreichen Monumente politischen Inhalts als schutzwürdige Geschichtszeugnisse über die Zeit der DDR. Von besonderer propagandistischer Prägnanz, zugleich aber auch künstlerischer Qualität sind die monumentalen Wandbilder José Renaus in Halle-Neustadt (Am Stadion 6 von 1975, An der Schwimmhalle 5 von 1974) und an der Magdeburger Straße 36 von 1971. Die haushohen Plakate in Majolika-Malerei sind aufwendige Allegorien auf den Sozialismus, in der Formensprache futuristische und kubistische Elemente dekorativ nutzend. Sie sind Ausdruck eines Fortschrittlichkeit und Gegenwartsnähe suggerierenden Modernismus ohne eigenen experimentellen Anspruch. Die aufdringliche Pädagogik dieser Kunst führt heute zu heftigen Auseinandersetzungen über Wert und Unwert dieser Produkte, die die denkmalpflegerischen Debatten der Gegenwart noch eine Zeitlang beschäftigen werden.