Geleitwort

Es sind nicht nur menschliche Bindungen, die es mir – über die vielen Jahrzehnte staatlicher Trennung hinweg – möglich gemacht haben, die Verbindung zu meiner Heimatstadt Halle lebendig zu erhalten. Es ist auch das beeindruckende historische Stadtbild, das mir und anderen "alten Hallensern" geholfen hat, mich auch nach vielen Jahren immer noch hier zu Hause zu fühlen.

Halle ist im Zweiten Weltkrieg mit glimpflichen Bombenschäden davongekommen. Anders als viele andere Städte vergleichbarer Größe in den östlichen Bundesländern hat es aber auch in der Nachkriegszeit sein Gesicht wahren können. Das Stadtbild ist trotz gravierender Verluste an historischer Bausubstanz immer noch das alte.

Das Verzeichnis der halleschen Denkmale läßt mit seinen rund 3000 Einzelpositionen erkennen, welch große Aufgaben sich den Hallensern stellen.

Mit Interesse sehe ich, daß es nicht nur die "klassischen Denkmale" sind – der berühmte Rote Turm, die mittelalterlichen Kirchen, die Moritzburg oder Burg Giebichenstein –, denen heute gesetzlicher Schutz zukommt. Auch die prächtigen gründerzeitlichen Warenhäuser an Halles Geschäftsstraßen und die schönen Wohnviertel des 19. Jahrhunderts erfreuen sich heute einer großen Wertschätzung. In Reideburg geboren, freut es mich besonders, daß auch die historischen Dorfkerne am Rand der Stadt mit ihren kleinen Kirchen und schlichten Bauernhäusern den Schutz des als beispielhaft geltenden Denkmalschutzgesetzes Sachsen-Anhalts genießen.

Die sorgsame Pflege der kulturellen Umwelt baut vor für die Zukunft. Der deutsche Einigungsvertrag garantiert deshalb den östlichen Bundesländern, daß ihre kulturelle Substanz keinen Schaden nimmt. Halles kulturelle und wirtschaftliche Zukunft als bedeutende Großstadt im mitteldeutschen Ballungsgebiet wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Stadt als Lebensraum attraktiv und unverwechselbar bleibt.

Wirkungsvoller, das heißt vom Bürgerwillen getragener Denkmalschutz leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Er bietet bei allen Anstrengungen, die nötig sind, eine Chance, die auch in wirtschaftlich schwieriger Zeit nicht vertan werden darf.

Ich wünsche meiner Vaterstadt Halle dabei ein gutes Gelingen!


Hans Dietrich Genscher