Geleitwort des Oberbürgermeisters

Denkmalpflege erscheint aus der Sicht der Bürger und der städtischen Verwaltung nicht als wissenschaftlich-abstrakte Dokumentationspflicht gegenüber der historischen Vergangenheit. Vielmehr gehört es zum ureigensten Existenzinteresse der Bürgerschaft, die baukünstlerischen und städtebaulichen Qualitäten ihrer Stadt auf Dauer zu bewahren und zu pflegen: Auf ihnen gründet in ganz entscheidendem Maße die Lebensqualität der städtischen Umwelt. Jeder einzelne erlebt seine Stadt jeden Tag als seinen Lebensraum. Das sorgsame Bewahren der historisch gewachsenen Stadtstruktur ist deshalb gewissermaßen städtischer "Selbsterhaltungstrieb".

Wenn in Halle auch die Spuren jahrzehntelangen Verfalls noch nicht getilgt sind, so vermittelt das historische Stadtbild doch schon jetzt mehr als nur eine Ahnung davon, was aus Halle in zehn bis fünfzehn Jahren einmal werden wird: eine der reizvollsten Städte Mitteldeutschlands. Dieser Funke springt gerade auch auf auswärtige Besucher über, die Halle als Gäste, Geschäftsreisende oder Touristen besuchen. Immer wieder äußern sie sich begeistert über die Vielzahl und Vielfalt historischer Bauten aus allen Geschichtsepochen.

Das historische Stadtbild Halles kann sich so mausern, daß es zum "Standortvorteil" wird und zur wirtschaftlichen Entwicklung Halles beiträgt. Die Bau- und Kunstdenkmale gehören wie Museen, Schulen, Universitäten, Freizeitangebot usw. zu den wichtigen kulturellen Rahmenbedingungen für die zukünftige gedeihliche Entwicklung der Stadt. Ein gut gepflegtes historisches Stadtbild mit seinem Reichtum an gestalterischen und atmosphärischen Wer-ten hat in der heutigen Zeit eine nicht zu unterschätzende optimistische Signalfunktion. Hieraus erwächst gerade auch der halleschen Wirtschaft der Anreiz und die Verpflichtung, sich gegenüber den Anliegen des Denkmalschutzes aufgeschlossen zu zeigen.

Allerdings muß auch der Denkmalschutz "Augenmaß" zeigen. Sollen die vorstehend genannten wichtigen Ziele erreicht werden, so darf auch die wirtschaftliche Komponente nicht in Vergessenheit geraten.

Das Landesamt für Denkmalpflege legt hier ein Denkmalverzeichnis vor, das rund 3000 Einzelpositionen verzeichnet. Dreitausendmal gilt es, Geschichte zu bewahren – und mehr als das. Da, wo die alte Stadt durch Neues ergänzt werden muß, soll sie mit Phantasie und baulichem Einfühlungsvermögen weitergebaut werden.

Festzuhalten ist auch: Die denkmalpflegerischen Anstrengungen dürfen nicht an den Rändern der historischen Altstadt aufhören. Zu den täglichen Lebensfunktionen gehören nicht nur Arbeiten und Kaufen, am wichtigsten ist das Wohnen. Viele Hallenser wohnen in den ausgedehnten gründerzeitlichen Vierteln im Süden und im Norden der Stadt. Der Aufwertung dieser historischen Wohnquartiere kommt ein ganz besonders hoher Stellenwert zu. Halles Gepräge als historische Stadt - das zeigt schon ein flüchtiger Blick in das neue Denkmalverzeichnis – entsteht in erster Linie aus der Architektur der Gründerzeit mit ihrem ungeheuer reichen Spektrum an Baustilen und Baugattungen von der repräsentativen Villa bis zur einfachen Mietskaserne, vom aufwendigen Verwaltungspalast bis zur imposanten Fabrikanlage.

Die Stadtsanierung gehört zu den großen kommunalpolitischen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte. Ihr müssen sich alle gemeinsam stellen. Den Bürgern stehen dabei mannigfaltige finanzielle Fördermöglichkeiten offen. Viele Denkmalbesitzer können ihrem Denkmal aber auch ohne Geld Gutes tun. Bei vielen Instandsetzungsarbeiten am Denkmal kommt es nur auf das "Gewußt-wie" an. Die Beratung der Bürger in Fragen der Denkmalpflege durch die Fachleute der Unteren Denkmalschutzbehörde im Bauordnungsamt unserer Stadt steht jedem – kostenlos – zur Verfügung.

Dem illustrierten Denkmalverzeichnis der Stadt Halle wünsche ich im Interesse unserer Stadt eine weite Verbreitung, nicht nur am Ort, sondern gerade auch auswärts. Ich hoffe, daß es in späterer Zeit nicht unter dem Aspekt "Halle, wie es war" gelesen wird, sondern als historisches Dokument aus einer Zeit, die sich viel vorgenommen und einiges erreicht hat.

Dr. Klaus Rauen
Oberbürgermeister a.D.