Vorwort

Denkmalpflege in einer weitgehend erhaltenen Großstadt wie Halle zu betreiben, ist eine große Herausforderung. Die Stadt hat den Zweiten Weltkrieg und die Flächensanierung der DDR-Zeit besser überstanden als manch andere Großstadt im Osten. Eine große Zahl sehr vielgestaltiger Gebäude ist als Zeichen ihrer reichen Geschichte erhalten geblieben. Große Monumente, wie die Marktkirche, daneben der Rote Turm, der Dom und die Moritzburg, die Franckeschen Stiftungen und die Bauten der Universität, bestimmen das Gesicht der Altstadt, die von einem dem ursprünglichen Stadtmauerverlauf folgenden Grüngürtel umgeben ist. In nördlicher und südlicher Richtung erstrecken sich ausgedehnte, zumeist nach 1871 entstandene Wohngebiete. Viele von ihnen wurden als in sich geschlossene Denkmalbereiche festgestellt. Die Mehrzahl der in Halle erhaltenen Denkmale entstammt dem späten 19. Jahrhundert und repräsentiert in eindrucksvoller Breite die Architektur des Historismus bis zum Jugendstil. Die Zeit des Neuen Bauens ist mit Beispielen bedeutender Qualität vertreten, dagegen wurde nur weniges der Nachkriegszeit als bemerkenswert eingestuft.

Die Erfassung des umfangreichen Denkmalbestandes und die Eintragung in ein Verzeichnis gehören zu den wichtigsten Aufgaben des Landesamtes für Denkmalpflege. Sie ergeben sich aus dem gesetzlichen Auftrag und basieren auf den bundesweit geltenden Bewertungskriterien, die eine erhebliche Zunahme an Denkmalen gegenüber den DDR-Listen zur Folge haben. So verzeichnete die Denkmalliste der Stadt Halle zu Beginn der Schnellerfassung im Frühjahr 1992 etwa 600 Denkmale. Nach Abschluß der Maßnahme sind es zirka 3000 Einzelpositionen, darunter ganze Stadtquartiere umfassende Denkmalbereiche. Von den Wohnhäusern der Stadt Halle sind 12,4 Prozent Denkmale, das ist jedes achte Haus.

Derartige Zahlen von in das Verzeichnis eingetragenen Denkmalen erfüllen zunächst mit Sorge, nicht zuletzt den Denkmalpfleger, der sie fachlich zu vertreten und jede Einzelposition stichhaltig zu begründen hat. Es scheint, als nehme angesichts solcher Zahlen Denkmalpflege und insbesondere die "Städtebauliche Denkmalpflege" kaum zu bewältigende Ausmaße an. Dennoch kann die Denkmalpflege ihre Wertkriterien nicht von der Scheu vor zu hohen Zahlen an Denkmalen bestimmen lassen.

Die Erweiterung des Denkmalbegriffes unserer Tage führt nicht zu einer Inflation des Denkmalbestandes. Sie ist die notwendige Folge aus der Ausweitung des Denkmalbegriffes auf die unterschiedlichsten Denkmalgattungen, auch der Industrie- und Alltagskultur, sowie auf alle kultur- und stilgeschichtlichen Epochen bis in die Gegenwart. Wie bei allen Eintragungen von Denkmalen werden auch bei der Ausweisung der städtebaulichen Ensembles als Denkmalbereiche, darunter die des 19. Jahrhunderts, hohe Maßstäbe angelegt. Voraussetzung für die Aufnahme eines Bereiches oder eines Straßenzuges in das Verzeichnis ist dessen weitgehende historische Unversehrtheit. Dabei hat nicht nur die Ablesbarkeit städtebaulicher Grundstrukturen und die Gestalt erhaltener Stadträume ein großes Gewicht, auch an die dazugehörenden Einzelobjekte wird der Anspruch erhoben, daß sie sich in ihrer Originalgestalt zeigen oder doch zumindest in einem solchen historisch gewachsenen Zustand, der nicht als Entstellung zu kategorisieren ist.

Die erfolgten Eintragungen als Ergebnis einer Schnellerfassung müssen in vielen Fällen während der weiteren Bearbeitung präzisiert und mit zusätzlichen Informationen angereichert werden. In einem Haus zum Beispiel, das sich zunächst durch sein Fassadenbild und seine Zugehörigkeit zu einem ungestörten Straßen- oder Platzensemble als Denkmal ausweist, können innen architektonische und kunsthandwerkliche Werte verborgen sein, die der Schnellerfassung naturgemäß entgehen. Der vom Gesetz garantierte äußere und inwendige Substanzschutz für alle Baudenkmale stellt sicher, daß im Zuge der Planung und der Baumaßnahmen Denkmalwerte erkannt und in Restaurierungskonzepte einbezogen werden können, auch wenn sie bis dahin nicht ausdrücklich Gegenstand der schutzbegründenden Bedeutung des in das Verzeichnis eingetragenen Denkmals waren.

Die Erfahrungen im Bemühen um die Erhaltung der Denkmale und bei der Durchsetzung des Denkmalschutzgesetzes von Sachsen-Anhalt, dazu die Praxis der Denkmalerfassung zeigen, daß Denkmalschutz nicht allein als obrigkeitliche "Staatliche Verfügung" funktionieren kann. Er muß vor allem auf dem Konsens aller Beteiligten, auch der Hauseigentümer, beruhen. Das in dieser Veröffentlichung vorgelegte Denkmalverzeichnis der Stadt Halle kann allen mit denkmalpflegerischen Aufgaben befaßten Fachkollegen in Behörden, Architekturbüros und Restaurierungswerkstätten als Arbeitsgrundlage dienen. Es wird darüber hinaus das in weiten Kreisen der Bevölkerung und der Verwaltung bereits sehr wache Wertebewußtsein für das reiche bauliche Erbe bestätigen und stärken.

Diesen reichen Denkmalbestand zu erhalten muß das Bemühen der ganzen Gesellschaft sein. Künftige Generationen werden die denkmalpflegerische Leistung der Gegenwart daran messen, in welchem Umfang es uns gelungen ist, die Denkmale zu schützen, dazu intakte historische Stadt- und Ortskerne über die Zeit zu retten. Wenn auch die Sorge um die großen Monumente immer im Vordergrund der Denkmalpflege stehen wird, so gilt ebenso ihre Verpflichtung den städtebaulichen Denkmalen gegenüber, aus denen unsere historischen Stadtkerne, so auch in der Stadt Halle, bestehen.

Für jeden Hallenser ist es ein schönes Erlebnis, auswärtige Gäste die Stadt und ihren reichen historischen Baubestand bewundern zu hören. Die fortschreitende Sanierung in der Altstadt und in den historischen Stadterweiterungsgebieten der Gründerzeit hebt bereits jetzt für alle spürbar die Atmosphäre und Lebensqualität dieser Großstadt. Die vorliegende Publikation will einen Beitrag dazu leisten, daß auf diesem Weg fortgeschritten werden kann.

Allen, die zum Gelingen dieses wichtigen Werkes beigetragen haben, sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Dieser Veröffentlichung ist der Charakter eines Arbeitsmaterials eigen, dem sicher verschiedene Mängel anhaften. So dienen die Fotos lediglich der Erläuterung des aus Stichworten bestehenden Textes. Sollten Sie als Benutzer auf Fehler oder Ungenauigkeiten stoßen, bitten wir Sie um eine Mitteilung. Auf diese Weise können Sie uns bei der Erfüllung dieser umfangreichen Aufgabe einer Schnellerfassung aktiv unterstützen.

Dipl.-Ing. Gotthard Voß
Landeskonservator